Illia Kotliarov

Warum Propaganda nicht modern erzählt: Ein literarischer Blick auf politische Sprache

22. Januar 2026

Wie Wirklichkeit erzählt wird, beeinflusst, wie wir sie verstehen. Der Vergleich zwischen traditioneller Literatur und der literarischen Moderne zeigt nicht nur unterschiedliche Erzählweisen, sondern liefert auch ein hilfreiches Analyseinstrument für politische Sprache. Diese Unterscheidung macht sichtbar, dass populistische Reden Offenheit vermeiden und stattdessen klare Deutungen und emotionale Lenkung in den Vordergrund stellen.

Teil 1: Unterschiede zwischen traditioneller Literatur und literarischer Moderne

Im Deutschunterricht haben wir uns unter anderem mit den Unterschieden zwischen traditioneller Literatur und der literarischen Moderne beschäftigt. Dabei ging es mehr darum, wie die beiden auf unterschiedliche Weisen Wirklichkeit darstellen, Figuren gestalten und auf Leser*innen wirken. Diese Unterscheidung zwischen traditioneller Literatur und literarischer Moderne, die nicht immer eindeutig ist und auch Mischformen aufzeigt, hilft uns, moderne Texte wie «Radetzkymarsch» von Joseph Roth besser zu verstehen und einzuordnen.

Die Wirklichkeitsdarstellung in traditioneller Literatur ist in der Regel durch eine geordnete und übersichtliche Darstellung gekennzeichnet. Die dargestellte Welt wirkt klar, hat Regeln und erscheint sinnvoll strukturiert. Die Ereignisse stehen in nachvollziehbarem Zusammenhang, es herrscht Wirklichkeitskohärenz. Die Figuren besitzen eine klare und unveränderliche Identität und handeln und reagieren nach ihren festen Charaktereigenschaften bis zum Schluss. Die Figuren können eine Wandlung durchlaufen, verändern sich aber nicht grundsätzlich. Dabei handelt es sich um eine feste Figur. Oft kann der Leser oder die Leserin sich aufgrund dieser festen Figur identifizieren. Die Sprache ist verständlich, erklärend und ist darauf ausgerichtet, eine Orientierung zu geben. Auch der Erzähler nimmt häufig eine überblickende, allwissende Position ein und vermittelt Werte und moralische Deutungen. Die Wirkungsabsicht traditioneller Literatur besteht darin, Sinn zu stiften, Ordnung herzustellen und dem Publikum Sicherheit zu geben, indem Leser*innen von dem Autor mithilfe des kohärenten Textangebots gelenkt werden.

Die literarische Moderne stellt dieses Modell grundlegend infrage. Sie reagiert auf historische Umbrüche und den Verlust traditioneller Gewissheiten mit einer veränderten Darstellung von Wirklichkeit. Die Wirklichkeit erscheint nicht mehr geschlossen und eindeutig, sondern fragmentiert, widersprüchlich und oft sinnentleert. Die Figuren sind in der Moderne häufig innerlich zerrissen, passiv oder orientierungslos. Die Identität der Figuren bleibt unsicher und ist oft fremdbestimmt durch das Milieu. Sie scheint widersprüchlich, triebsgesteuert und schwankend in der Stimmung. Die Figuren sind also nicht mehr fest. Auch die Sprache verändert sich in der Moderne. Sie kann nüchtern, distanziert, sachlich sein und wirkt wie ein Bericht. Die Sprache verzichtet häufig auf emotionale Ausschmückungen. Es entsteht dadurch eine Kälte, die die innere Leere der Figuren widerspiegelt. Der Erzähler tritt weniger erklärend auf und verzichtet auf eindeutige Wertung. Statt die Orientierung zu geben, lässt er Lücken entstehen, welche von dem Leser selbst gefüllt werden müssen. Die Wirkungsabsicht der modernen Literatur besteht darin, Fragen aufzuwerfen und Verunsicherung bewusst in Kauf zu nehmen, statt Antworten zu liefern.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass traditionelle Literatur Ordnung, Sinn und klare Deutungen anbietet, während die literarische Moderne Unsicherheit, Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit thematisiert. Diese Unterscheidungsmerkmale bilden die Grundlage für weiterführende Analysen – auch über die Literatur hinaus.

Teil 2: Analyse einer Propagandarede im Vergleich zu moderner und traditioneller Literatur.

Im zweiten Teil dieses Blogbeitrags werde ich eine politische Rede von der populistischen Partei AfD analysieren, um zu untersuchen, ob ihre sprachlichen und strukturellen Merkmale eher der traditionellen Literatur oder der literarischen Moderne entsprechen. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass es sich bei der Rede nicht um einen literarischen Text handelt. Jedoch bedient die Rede sich bestimmter Erzählungsstrukturen und Wirkungsstrukturen, die auch aus literarischen Texten bekannt sind und somit mit den im ersten Teil vorgestellten Kriterien verglichen und untersucht werden können.

Wichtig für die Analyse ist am ersten Platz die Wirkungsabsicht der Rede. Solche Reden verfolgen klar ein Ziel, das Publikum zu überzeugen, emotional zu mobilisieren und eine bestimmte Weltsicht oder Meinung durchzusetzen. Zweifel oder Offenheit werden vermieden. Stattdessen wird eine direkte Sichtweise der Wirklichkeit angeboten, die Orientierung und Sicherheit verspricht. Dies zeigt sich daran, dass Probleme eindeutig benannt und Schuldzuweisungen klar verteilt werden. Die Rede vermittelt einen Eindruck, dass es eine klare Wahrheit gibt. Und genau diese Wahrheit muss erkannt und verteidigt werden. Die Lenkung des Publikums durch den Autor entspricht der der Wirkungsabsichten traditioneller Literatur, welche als Ziel hat, Sinn zu erstellen und Orientierung zu geben, anstatt Unsicherheit zu erzeugen.

Auch die Wirklichkeitsdarstellung ist stark vereinfacht und kohärent. Die Rede erstellt eine klare Gegenüberstellung von einem positiven «Wir» und einem negativen «Sie». Die alle wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge werden nicht als kompliziert oder widersprüchlich dargestellt, sondern auf Auslöser reduziert. Wenn beispielsweise Probleme bestimmten Gruppen oder Politikern zugeschrieben werden, entsteht eine klare Weltordnung mit klar definierten Verantwortlichkeiten. Es gibt keine Einzelbilder oder mehrdeutige Wirklichkeiten, wie es für die literarische Moderne typisch ist.

Ein weiteres Merkmal ist die Sprache. Sie ist stark emotionalisierend und auffordernd.  Mithilfe der wiederholenden Betonungen von den Bedrohungen, Verlust oder Ungerechtigkeit sollen Gefühle, wie Angst und Ärger ausgelöst werden.  Aber auch werden vereinfachende Begriffe und zugespitzte Formulierungen verwendet, die wenig Raum für das Interpretieren lassen. Die Sprache unterscheidet sich deutlich von der nüchternen, oft Bericht-ähnlichen Sprache der modernen Literatur, welche eine Distanz schafft und den Leser zum Nachdenken anregen.

Und zum Schluss die Sprechrolle. Zwar handelt es sich bei der Sprechrolle um einen subjektiven Sprecher und nicht um einen Erzähler im literarischen Sinn. Dennoch übernimmt die Sprecherin eine stark lenkende Funktion, indem sie ihre Sicht als das einzig Richtige und Alternativlose vorstellt. In dieser Wirkung ist die Sprechrolle ähnlich wie der allwissende Erzähler der traditionellen Literatur, welcher dem Publikum klare Deutungen gibt. Ich denke, es ist nicht die Subjektivität an sich entscheidend, sondern die fehlende Offenheit der Deutung.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die analysierte Propagandarede in ihrer Wirkungsabsicht, Wirklichkeitsdarstellung, Sprache und Sprecherrolle deutlich traditionellen Erzählstrukturen folgt. Gerade im Vergleich zur literarischen Moderne wird sichtbar, dass Propaganda auf Eindeutigkeit, emotionale Sicherheit und klare Deutungen angewiesen ist.

Rede von Alice Weidel